Bislang ist alles rund um den Ruhr:HUB in Essen noch etwas abstrakt. Nach dem erfolgreichen Kickoff-Event der EWG vor zwei Wochen stehen ab Anfang Oktober nun die ersten konkreten Schritte an: Der HUB kommt … an im Alltag. UP!-Mitinitiator Horst Buschmann fasst in seiner Monatskolumne zusammen, was jetzt wichtig für den Standort wird.

Der 06. Oktober ist ein entscheidendes Datum. An diesem Tag wird Gelsenkirchen seinen Ratsbeschluss zum Ruhr:HUB vollziehen. Ab dann kommt der HUB im Alltag des Ruhrpotts an, denn Gelsenkirchen ist die letzte der Ruhr:HUB-Städte, die den notwendigen Verwaltungsakt dann zur Umsetzung des Projekts vollzogen haben wird. Mit anderen Worten: Ab dem 07.Oktober wird das ehedem schillernde Projekt zum Gegenstand des alltäglichen Arbeitens. Und da ist viel zu tun.

Fehlende Strategie der Stadt

Der Ruhr:HUB bietet eine wunderbare Chance für die Stadt. Und gleichzeitig offenbart er ihr größtes Problem: Es fehlt, wie schon seit langer Zeit, ein schlüssiges, emergentes Wirtschaftsförderungskonzept, eine Strategie, die es er Stadt erlaubt, im Jahre 2016 ff. anzukommen. Eigentlich ist man noch immer dem bräsig-hochnäsigen „Wir-sind-Konzernstadt„-Denken verhaftet. Z-wie-Zeche ist, insbesondere im Rat und seiner Vertreter, noch immer im Denken, Agieren und Beschließen weitaus stärker vertreten, als Z-wie-Zukunft. Früher war halt alles schöner. Und einfacher. An der personellen Aufstellung wichtiger, für den weiteren Anschluss der Stadt insbesondere an digitalen Entwicklungen essenzieller Institutionen, hat sich bislang exakt nichts verändert. Die Idee, dass Zukunftschancen nicht im Gestern, aber eben auch nicht im digitalen Fetisch alleine liegen, scheint noch nicht besonders ausgeprägt angekommen zu sein. Der populäre Oberbürgermeister Thomas Kufen, viel versprechend gestartet, hat hier noch „Luft nach oben“, denn substanzielle, belastbare Aussagen oder gar Entscheidungen hierzu sind bislang – eher Fehlanzeige. Da geht also noch etwas.

 

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Essens Oberbürgermeister zu Gast beim UP!businessbrunch im Unperfekthaus (von li. nach re.: Horst Buschmann, Andreas Kaminski, Thomas Kufen, Clemens van der Giet | Mai 2016 | Foto: Carmen Radeck)

 

Makro-ökonomische Herausforderungen

Das Grundproblem kann Essen allein nicht lösen. Auch nicht der Ruhrpott insgesamt. Die Gründeraktivität in Deutschland insgesamt ist –und bleibt– unterdurchschnittlich. Im internationalen Startup-Ranking macht Deutschland gerade einmal Platz 107 aus – von 189. Dabei werden wir von Ländern wie dem Iran oder Tadschikistan locker überholt. Bei rund 400.000 Gründungen im Jahr (mal ein paar mehr, mal ein paar weniger …) bleibt, verteilt auf 16 Bundesländer, nicht viel übrig. Rechnet man boomende Startup-Städte, allen voran Berlin mit ein, ist es vor Ort noch weniger. Man merkt es, wenn man in den Ruhrgebiets-Städten überwiegend auf die stets üblichen Verdächtigen der Branche trifft. Darin wiederum liegt aber auch eine Chance: Auf der Basis eines Wenigen kann man etwas aufbauen, weil einhergebrachte Strukturen fehlen. Gerade im Ruhrgebiet erscheint mir persönlich aus elf Jahren Standort-Erfahrung ein möglichst niederschwelliges Angebot sinnvoll. Selbstständiger, Freiberufler oder Unternehmer zu werden ist kein Ausbildungsberuf. Es gibt keine duale Ausbildung zum Unternehmer, keine Berufsschule und keinen Lehrbetrieb. Man muss, wenn man an der maladen Grundsituation etwas ändern will, mögliche Interessenten für eine Selbstständigkeit im Allgemeinen, für ein Startup im Speziellen, sehr früh „abholen“. Die gedachte „Camp“-Struktur der Hubs ist dafür m.E. ideal geeignet.

Mikro-ökonomische Herausforderungen

Sechs Städte sind dem Ruhr:HUB angeschlossen. Sechs unterschiedliche Bedarfe. Sechs unterschiedliche Infrastrukturen. Auf die HUB-Geschäftsführer Oliver Weimann und seine Dortmunder Kollegin Anja Sommerfeld wartet keine einfache Aufgabe. Ein Zusammenschluss mehrerer Städte zu einem gemeinsamen Projekt ist einerseits eine gute Idee, denn ein regionaler Ansatz ist bei Großvorhaben durchaus hilfreich. Natürlich gibt es eine Kehrseite. Bei solchen Vorhaben spielt dann der Proporz eine große Rolle. Das wird die Beteiligten zukünftig möglicherweise einen Großteil ihrer Nerven kosten. Und es bleibt abzuwarten, ob der Grenznutzen zwischen Stärke des gemeinsamen Auftritts und Proporz ausreichend sein wird. Woran ich übrigens durchaus glaube.

Übrig bleibt, als wesentliche Herausforderung, das Gefälle zwischen östlichem und westlichem Ruhrgebiet. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Bochum und Dortmund aufgrund ihrer erfolgreichen Vorarbeit der letzten zehn Jahre einen deutlichen infrastrukturellen Vorteil genießen. Das kann man, ganz pragmatisch, als gegeben hinnehmen. Erfahrungsgemäß, der Proporz lässt da schön grüßen, wollen (real oder gefühlt) benachteiligte Regionen „auf Augenhöhe“ agieren. Für den Praktiker heißt das: Ausgleich schaffen. Man darf gespannt sein, wie die Verantwortlichen der Ruhr:HUB-Gesellschaft dieses Problem lösen. Zu größerem Neidgefühl ihnen gegenüber besteht in diesem Zusammenhang sicherlich kein Anlass.

Fazit

Realistischerweise muss man den HUB-Akteuren die noch erforderliche Zeit zum Konstituieren geben. Die Sechs-Städte-Struktur des Ruhr:HUB bietet viel Raum für Kooperation, aber auch reichlich Strukturierungsbedarf. Die Besetzung der beiden Geschäftsführer-Positionen erscheint im diesem Kontext gut gewählt. In den „Camps“ , also den lokalen Event- und Netzwerkformaten vor Ort, liegt viel Freiheit und Möglichkeit zur Entfaltung. Erforderlich ist hier eine sichtbare, nach außen wahrnehmbare und persönlich ansprechbare Anlaufstelle, die es Startuppern bereits in der Pathfinder-Phase ermöglicht, zentral und offen erreichbar Ansprechpartner für ihr Vorhaben zu finden. Darüber hinaus sollten möglichst viele (vorhandene und mögliche) Player vor Ort als Camp-Standorte eingebunden werden. Wir vom Unperfekthaus haben uns schon frühzeitig mit den vorhandenen (und ergänzbaren) Event- und Plattformstrukturen angeboten, und freuen uns, unterstützend am Gelingen des Ruhr:HUB teilzunehmen.

Dass es viel zu tun gibt zeigt sich in diesen Tagen auf deutliche Weise. Nichts ist gewonnen, wenn alle Mühe um Startups in der Stadt mit einem Weggang derselben endet. So geschehen und beschrieben durch die ja auch uns beim UP!businessbrunch bestens bekannten Philip und Giannis, die sich zum Fortzug nach Düsseldorf entschlossen. Braindrain ist das Letzte, was wir in Essen brauchen.


Horst Buschmann ist Mitinitiator des UP!businessbrunch im Essener Unperfekthaus. Er ist seit 2007 KfW-Gründercoach, spezialisiert auf Kleingründungen, Gründungen aus Arbeitslosigkeit und Mikrofinanzierungen. Der freie Wirtschaftspsychologe ist seit 2008 im Unperfekthaus und leitet dort die Projekte „GründerKultur“ und „GründerKrisen“.